Fussball in all seinen persönlich erlebten Facetten: Im aktuellen Jubiläumsjahr veröffentlicht der FVRZ in dieser Rubrik wöchentlich wechselnde, individuell erfahrene Beiträge rund ums lederne Rundum.
Fussball, Gewalt, Politik

Von Aldo Tamò,
Ehrenmitglied FVRZ (Leiter Ressort Schiedsrichter FVRZ, 1987 – 2002)
Als ich mich anschickte, diesen Text in die PC-Tastatur zu tippen, kam mir das Thema aus der Ferne zugeflogen – aus Ägypten. Printmedien, TV und Radio berichteten gerade über die geradezu apokalyptische Tragödie (über 70 Tote!), die sich im Fussballstadion von Port Said beim Spiel zwischen Al-Masri und Al-Ahli ereignet hatte. Da tauchen Erinnerungen an frühere tragische Ereignisse auf, wobei man jedes Mal hoffte, es möge das letzte Mal gewesen sein.
Wo wie wann mussten unzählige Menschen in einer Fussballarena ihr Leben lassen? Makabre Realität: die bekanntesten Tragödien sind jene mit enormen Zahlen an menschlichen Opfern.
- 24. Juni 1964, Lima. Olympia-Qualifikation Peru – Argentinien. Tumult nach aberkanntem Tor: 318 Tote.
- 26. Juni 1969, Tegucigalpa (Honduras) Qualifikationsspiel für die WM 1970 in Mexiko gegen Ecuador. Sieg der Gäste (3:2) in der Verlängerung. Tumulte. Zwei Wochen später brach der politisch begründete «100-Stunden-Krieg» aus, der etwa 3000 Menschen das Leben kostete.
- 2. Januar 1971, Glasgow. 66 Menschen werden zu Tode getrampelt.
- 20. Oktober 1982, Moskau. Vom Spiel ausgeschlossene Fans drängen zurück ins Stadion, 340 Tote.
- 29. Mai 1985, Brüssel, Heysel-Stadion. LIverpool-Fans attackieren Anhänger von Juventus Turin. Mauereinsturz, 39 Tote. Schiedsrichter war der Schweizer André Daina, einer der beiden Linienrichter der Schaffhauser Fifa-Schiedsrichter Jakob «Jack» Baumann.
- 15. April 1989, Sheffield. Panik bricht aus beim Cup-Halbfinalspiel Liverpool gegen Nottingham Forest. 96 Tote.
- 9. Mai 2001, Accra (Ghana). Polizei setzt Tränengas ein, auf der Flucht treffen die Randalierer auf verschlossene Stadiontore! 126 Tote.
Im Fall von Port Said und früher von Honduras gegen Ecuador waren auch politische Motive mit im Spiel. In der Zeit nach beiden Tumulten ging es mit Unruhen, Krieg und weiteren Toten weiter. «Fussball ist Krieg in anderer Form» soll einmal jemand gesagt haben. Muss das zutreffen? Und liegt hier ein Beweis vor, dass die von vielen nicht geglaubte, unselige Beeinflussung des Sports durch die Politik doch immer wieder präsent ist?
Vor diesem Hintergrund fällt eine Prognose zu fällen leider schwer, dass Port Said die letzte Tragödie der Fussballgeschichte gewesen sein soll. |